Ilona Stuetz und Victoria Kure-Wu kennen sich als @ilo_ul und @kateboss5000 aus dem Internet. Ilona Stuetz lebt und arbeitet in Österreich und Berlin. Sie beschäftigt sich mit Diversität, Digitalisierung, Kunstvermittlung und Bildung; zuletzt für Projekte wie Jugend hackt, hello world und für die Ars Electronica in Linz. Victoria Kure-Wu ist User Experience Designer in Berlin und weiß, dass diverse Teams zu besseren Ergebnissen kommen. Sie arbeitet aktuell bei interactive tools, ist Initiatorin von www.ichbinkeinvirus.org und engagiert sich für Bildungsgerechtigkeit bei den Schülerpaten Deutschland.
In der Corona-Krise zeigt sich deutlicher denn je, wie wichtig zivilgesellschaftliches Engagement für den Zusammenhalt ist. Menschen gehen für ihre zur Risikogruppe gehörenden Nachbar*innen einkaufen. Vereine organisieren Spenden und weitere Unterstützungsangebote, um anderen durch die Krise zu helfen. Hack- und Makespaces produzierten ehrenamtlich und ohne staatliche Förderung Masken und Schutzschilde für Krankenhäuser, Arztpraxen und Pflegeheime.
Als besonders gelungenes Beispiel des bürgerschaftlichen Engagements in der Pandemie gilt der virtuelle Hackathon, den die Bundesregierung unter dem Namen „WirVsVirus“ ins Leben gerufen hat. Gleich zu Beginn der Krise, im März 2020, lud das Kanzleramt zusammen mit einigen zivilgesellschaftlichen Organisationen zur Beteiligung auf: Gemeinsam sollten Innovationen gegen das Virus und seine gesellschaftlichen Folgen entwickelt werden. Den besten Projekten winkten finanzielle Förderung und ideelle Unterstützung.
Der größte Hackathon der Welt
Hackathons haben sich seit der Jahrtausendwende als erfolgreiches Veranstaltungsformat etabliert, um innerhalb eines abgesteckten Zeitraums von meist zwei bis drei Tagen innovative Projekte oder Lösungen zu entwickeln. Waren sie ursprünglich in der Start-Up-Szene beliebt, finden in den letzten Jahren immer mehr Civic-Tech-Hackathons mit gemeinnützigen Zielen statt.
Der Hackathon der Bundesregierung wurde überwiegend als großer Erfolg gefeiert, brachte er doch schnell einige funktionsfähige Anwendungen und Tools hervor, welche die Zivilbevölkerung dabei unterstützen sollen, besser durch die Krise zu kommen. Rund 28.000 Menschen nahmen teil, um an über 1.500 Projekten zu arbeiten. Kanzleramtsminister Helge Braun sprach vom „größten Hackathon, der jemals weltweit durchgeführt wurde“. Mit geballter Kraft gegen das Virus – eine echte Erfolgsgeschichte.
Doch es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Schon während des 3‑tägigen Hackathons wurden die Organisator*innen mit Kritik konfrontiert, unter anderem am Bewertungs- und Auswahlprozess der Projekte sowie der mangelnden Diversität der Entscheidungsgremien.
Der blinde Fleck von WirVsVirus
In einem zweistufigen Verfahren sollten die besten Projekte ausgewählt werden: Die 1.500 eingereichten Ideen wurden zunächst nach dem Zehn-Augen-Prinzip von ehrenamtlichen Mentor*innen begutachtet und beurteilt. Die knapp 200 Projekte mit den besten Bewertungen konnten sich dann in der zweiten Phase einer Jury mit kurzen Videos vorstellen. Diese wählte Projekte aus, die seitdem von der Bundesregierung gefördert werden.
Ein Blick in das Handbuch der Organisator*innen zeigt, worauf bei der Konzeption des Prozesses Wert gelegt wurde. Als Auswahlkriterien werden öffentliches Interesse, Innovation, Durchführbarkeit, Fortschritt und Verständlichkeit kommuniziert. Diese Ziele sollten die Kernwerte des Hackathons widerspiegeln und die Eigenschaften der gewünschten Zielgruppe beschreiben: „Interdisziplinarität, Kreativität und Solidarität“.
Ein Blick auf die Zusammensetzung der Entscheider*innen hingegen zeigt, worauf die Veranstalter*innen offensichtlich keinen Wert gelegt haben: Vielfalt nicht nur der Disziplinen, sondern auch der Perspektiven und der Erfahrungen der breiten Zivilgesellschaft. Die Mentor*innen, die über die Vorauswahl entschieden? Fast ausschließlich weiße Menschen. Die 48-köpfige hochkarätige Jury, die die besten Projekte bestimmte? Ausschließlich weiße Menschen.
Unterstützung für Betroffene von Rassismus
Wer also gehört eigentlich zu diesem „Wir“, das eingeladen wurde, sich im Rahmen des Hackathons gegen das Virus zu stellen und sich um eine Förderung der Bundesregierung zu bewerben?
Eines der Projekte, die die erste Hürde der Vorauswahl durch die ehrenamtlichen Mentor*innen nicht schafften, war ichbinkeinvirus.org. Die von Victoria Kure-Wu mitinitiierte Website war als Plattform zur Unterstützung von Menschen gedacht, die im Rahmen der Corona-Krise von Rassismus betroffen sind.
Durch Corona und die Erzählung, dass das Virus aus China stammt, hat sich der Rassismus verstärkt, mit dem süd-/ostasiatisch gelesene Personen in ihrem Alltag in Deutschland schon immer konfrontiert waren. Wurde Asiat*innen bisher oft der Status einer Vorzeigeminderheit von strebsamen Schüler*innen und gewissenhaften Bürger*innen zugeschrieben, sind sie nun die angeblichen Krankheitsträger*innen und Sündenböcke der Pandemie.
Vor allem in der Berichterstattung in den Medien und den dort verwendeten Bildern wird dies gut sichtbar. Kaum eine Coverseite in der nationalen und internationalen Presse kam bisher ohne ein Bild von ostasiatisch gelesenen Menschen im Kontext von Corona aus. Das von der Amadeu Antonio Stiftung betriebene Projekt Belltower.News und korientation e. V., ein Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven, dokumentieren allein in den ersten Wochen der Pandemie dutzende Fälle dieses medialen Coronavirus-Rassismus.
Hinzukommt bis heute eine Vielzahl von Über- und Angriffen. Diese reichen von Beschimpfungen im öffentlichen Raum bis zu physischen Attacken, die es Betroffenen teilweise schwer machen, ihren Alltag im üblichen Ausmaß zu leben. Jeder Schritt vor die Tür ist mit dem Abwägen verbunden, ob man die Kraft hat, mit möglichen Anfeindungen umzugehen.
Fast alle Mitglieder des fünfköpfigen Projektteams von ichbinkeinvirus.org arbeiten hauptberuflich in der Digitalbranche und wissen gleichzeitig aus erster Hand, wie real Corona-spezifischer Rassismus ist, da sie selbst von diesem betroffen sind. Das Projekt sollte anderen Betroffenen helfen, ihre Erfahrungen unabhängig von ihren Deutschkenntnissen auf der Website zu veröffentlichen und so den grassierenden Rassismus sichtbar zu machen. Hilfsangebote, Hinweise auf Beratungsstellen und eine Kontaktvermittlung für gemeinsame Freizeitunternehmungen sollten sie unterstützen und stärken.
Dann lieber doch kein Public Voting
Aus den 1.500 Projekten des Hackathons war ichbinkeinvirus.org das einzige, das sich mit dem Thema Rassismus befasste. Das Feedback der begutachtenden Mentor*innen aber war, dass sie nicht wirklich beurteilen könnten, ob es weiterhin Corona-spezifischen Rassismus gibt und es deshalb überhaupt eine eigene Plattform dagegen braucht.
Auch eine vielfältiger zusammengesetzte Gutachter*innengruppe wäre selbstverständlich keine Garantie dafür gewesen, dass das Projekt die erste Hürde geschafft hätte. Doch um das Problem des Coronavirus-Rassismus wahrzunehmen, hätte ein Blick auf die Reaktionen gereicht, die bereits das öffentliche Vorstellungsvideo von ichbinkeinvirus.org ausgelöst hat: In den Kommentaren auf YouTube und auf Twitter waren die Projektmitglieder rechtsextremen und rassistischen Anfeindungen ausgesetzt.
Obwohl das Projektteam die Organisator*innen darauf hinwies, dass Rechte via Twitter dazu aufforderten, ihr Vorstellungsvideo im Rahmen des Public Votings zu disliken, erhielt es keine Unterstützung zur Bewältigung der Hasskommentare. Die öffentliche Abstimmung als zweites Bewertungskriterium wurde allerdings noch während des Hackathons zurückgezogen. Nicht jedoch aufgrund der rassistischen Anfeindungen, sondern weil andere Bewerber*innen sehr starke Reichweiten zur Mobilisierung von Likes mitbrachten – das Voting hätte so verzerrt werden können.
Ein Hackathon für alle?
Dass der Hackathon der Bundesregierung ein Diversitätsproblem hatte, zeigt sich auch im Umgang mit der Kritik an der weißen Jury. Als sie noch während der Veranstaltung geäußert wurde, antworteten die Organisator*innen damit, marginalisierte Menschen allgemein in einen Topf zu werfen: Da mit Raul Krauthausen ein (weißer) Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit Mitglied der Jury war, sei sichergestellt, dass die Argumente marginalisierter Personen einbezogen würden.
Als Ko-Autorin Victoria Kure-Wu ihre Erfahrungen nach dem Hackathon auf Twitter veröffentlichte, reagierten die Organisator*innen abwehrend. Auch Teile der WirVsVirus-Community und Teilnehmende der Veranstaltung verteidigten den Hackathon als “Veranstaltung für alle”, denn schließlich habe jede*r teilnehmen können. Statt einem Nachdenken über eigene blinde Flecken gab es die Aufforderung, erstmal selbst einen besseren Hackathon zu veranstalten. Der offizielle WirVsVirus-Account reagierte kaum, nur eine der Organisator*innen beteiligte sich mit ihrem Privataccount an der Diskussion.
Erst nachdem die Kritik im Rahmen einer Übernahme des reichweitenstarken Twitter-Accounts des Peng!-Kollektivs mehr Aufmerksamkeit erhielt, sagte das Team des Hackathons Mitte Juni eine offizielle Stellungnahme zu.
Ende Juni, also mehr als drei Monate nach der Veranstaltung, veröffentlichten die Organisator*innen dann ein etwa einseitiges Statement. Darin räumten sie zwar Fehler ein und kündigten Maßnahmen an. Die Stellungnahme wurde jedoch nur in einem Google-Doc veröffentlicht und wenige Tage, bevor die aktive Betreuung der Social-Media-Kanäle eingestellt wurde, einmalig auf Twitter geteilt. Im Newsletter für die Community des Hackathons wurde sie nicht erwähnt. Auf der Website von WirVsVirus ist sie als Link im Sammelbecken des FAQs zum Hackathon vergraben.
Ungleichheit by Design
Nicht nur als unmittelbar Betroffene bekommt man bei diesem Vorgehen das Gefühl, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema des strukturellen und institutionalisiertem Rassismus dann doch nicht so groß war. Doch eine ausschließlich weiße Jury ist nur das Symptom eines viel weiter reichenden Problems. Der Umgang mit der Kritik und auch die ausbleibende Unterstützung gegen die öffentlichen Anfeindungen und rassistischen Beschimpfungen, denen das Team von ichbinkeinvirus.org in Folge der Hackathon-Teilnahme bis heute ausgesetzt sind, werfen eine grundlegende Frage auf: Wer ist dieses “Wir“, das eine Gemeinschaft gegen das Andere, das Virus, bildet?
Die Zusammensetzung derjenigen, die an der Entwicklung von Technologien beteiligt sind, hat entscheidenden Einfluss darauf, wie diese wirken. In den Worten des Equity Design Collaborative: “Rassismus und Ungleichheit sind ein Produkt von Design und können daher auch neu designt werden [eigene Übersetzung].“ Wenn sich Hackathons nur auf Technik alleine konzentrieren, lösen sie Probleme nicht nachhaltig. Im besten Fall ist das Ergebnis ein gut gemeintes Produkt, das an der nicht miteinbezogenen Zielgruppe vorbei geht. Im schlimmsten Fall ist es die Reproduktion von Rassismus und anderen Diskriminierungsformen.
Häufig richten sich Tech-Veranstaltungen zwar offiziell an alle, doch selten wird berücksichtigt, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sind, um tatsächlich teilzunehmen. Es braucht dafür ein gewisses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die Möglichkeit, tatsächlich gehört zu werden. Außerdem das Selbstbewusstsein, etwas zu einer allgemeinen Lösung beitragen zu können und damit ernstgenommen zu werden. Diese Voraussetzungen sind in der Gesellschaft jedoch extrem ungleich verteilt. Gerade für Nicht-Akademiker*innen und Personen ohne höheren Schulabschluss oder andere marginalisierte Gruppen können sie eine unsichtbare Zugangsbarriere darstellen.
Bei Veranstaltungen im Hackathon-Format wird zudem häufig vor allem die technische Expertise in den Vordergrund gerückt und es wird nur in geringem Ausmaß damit geworben, dass auch sozialwissenschaftliche Expertise oder Design-Fähigkeiten zum Gelingen der Projekte beitragen. So kommt es, dass die Veranstaltungen sich überwiegend aus der Mehrheitsgesellschaft rekrutieren. Oder, um es konkreter zu machen: Mehrere Studien [PDF] belegen, dass die Teilnehmerschaft von Hackathons häufig vor allem weiß und männlich ist.
Gemeinsam die Zukunft gestalten
Das Team von WirVsVirus hat angekündigt, in Zukunft Expert*innen und Betroffene als feste Ansprechpartner*innen für Diversitäts- und Diskriminierungsthemen aufzunehmen und ein Eskalationsmanagement zu etablieren. Langfristig sollen unterrepräsentierte Gruppen bei der Umsetzung des Formats eingebunden werden. Wenn sie wirklich umgesetzt werden, sind das gute erste Schritte. Jedoch ist Beteiligung marginalisierter Menschen auf Augenhöhe bereits ganz zu Anfang, also in der Konzeption von Veranstaltungen und Projekten, der einzige Weg, nicht nur Symptomen, sondern auch Ursachen von strukturellem Rassismus entgegenzuwirken.
Wie Sensibilität für Vielfalt und Diskriminierungen von Anfang mitgedacht und als Wesenselement von Hackathons etabliert werden können, demonstrierte auf der re:publica 2019 die Designerin und Forscherin Alexis Hope. In ihrem Vortrag teilte sie die Erfahrungen, die sie und andere bei der Organisation eines Hackathon am MIT Media Lab gemacht hatten. Der „Make the breast pump not suck“-Hackathon sollte die Technik von Milchpumpen weiterentwickeln, mit denen stillende Personen Milch abpumpen können.
Die Veranstaltung brachte 150 Teilnehmende aus den Bereichen Design und Entwicklung, aber auch Mütter, Väter und Babies auf der Suche nach Lösungen für bessere Still-Instrumente zusammen. Getrieben wurde der Hackathon von der Überzeugung, dass es der Partizipation aller bedarf, um eine Lösung zu entwickeln, die nicht nur der Lebensrealität weniger entspricht. Zu diesem Zweck ging der Veranstaltung eine intensive Recherche voraus, um lokale Initiativen, Selbsthilfegruppen und bereits vorhandene Lösungen zu suchen und mit diesen in Kontakt zu treten, um sie in den Hackathon einzubinden. Speziell auch solche Communities, die im Regelfall wenig Anknüpfungspunkte zu elitären Einrichtungen wie dem MIT haben.
Eine der leitenden Fragen lautete: „Wie können alle Menschen daran teilnehmen, die Zukunft zu gestalten?“ Von wie großer Bedeutung diese Vorarbeit ist, wird deutlich, wenn man die Zusammensetzung der Mitwirkenden betrachtet. Nur 25 Prozent der Teilnehmenden kamen aus dem Tech-Bereich, während weitere 25 Prozent aus dem Bereich Kunst/Design/Kommunikation kamen und sich die restlichen 50 Prozent aus Müttern, Aktivist*innen, Personen aus dem Gesundheitswesen, Studierenden und Lehrenden/Personen aus dem Bildungssektor zusammensetzen. 70 Prozent der Teilnehmenden waren People of Colour und auch die Verteilung hinsichtlich der geographischen Herkunft und Einzugsgebiete war breit gestreut.
Das Ergebnis: Die Teilnehmer*innen entwickelten Lösungen, die so vielfältig waren wie die Teilnehmerschaft. Jedes der Projekte begegnete ganz konkreten Notwendigkeiten der unterschiedlichen Zielgruppen, unter Beachtung der zur Verfügung stehenden Ressourcen. Statt einfach nur die Technologie der Milchpumpen weiterzuentwickeln, nahmen die Lösungen den jeweiligen Anwendungskontext in den Blick. So entstanden Notfallversorgungskits für stillende Personen in Katastrophengebieten oder eine Virtual-Reality-Anwendung, mit der Behelfs-Stillplätze wie Büros oder Toiletten zu vertrauten Orten werden können, um so das Oxytocin-Level beim Stillen zu erhöhen. Darüber hinaus wurde die Veranstaltung von einem Policy Summit begleitet, um politische Fragen zu adressieren, die während der Arbeit mit den Betroffenen aufkamen und sich nicht durch Technologie lösen lassen.
Diversität darf kein Add-On sein
Wer Hackathons mit einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung konzipieren möchte, darf Diversität nicht als Add-On sehen. Sie ist eine logische Maßnahme, um überhaupt sinnvolle Lösungen für ein Problem finden zu können, von der alle profitieren. Da Rassismus häufig tief verankert und institutionalisiert ist, können Diversitätsfragen nicht erst im Nachhinein passieren. Auf diese Weise werden sie niemals den Kern des Problems treffen.
Wer unter dem „Wir“ von „WirVsVirus“ also nicht nur die Mehrheitsgesellschaft, sondern unsere Gesellschaft inklusive ihrer an den Rand gedrängten Gruppen versteht, muss die eigenen obersten Strukturen aufbrechen und marginalisierte Menschen mitbestimmen lassen.
ichbinkeinvirus.org ist inzwischen trotzdem online, auch wenn die Plattform von der Bundesregierung nicht gefördert wurde. Ehrenamtliche haben die Seite in ihrer Freizeit umgesetzt, Ende Mai 2020 ist sie live gegangen. In kurzer Zeit ist sie ein wichtiger Vernetzungspunkt für Betroffene von Corona-Rassismus, Hilfsangeboten und Aktivist*innen geworden. Trotz internationaler Medienberichte über das Angebot: Die ursprüngliche Vision eines internationalen Angebots zur weltweiten Hilfe für Betroffene konnte ohne die Förderung bisher nicht realisiert werden.
Da die wirtschaftlichen Folgen von Corona noch nicht vollständig angekommen sind, ist davon auszugehen, dass Corona-Rassismus weiterhin grassieren wird. Dass bis heute doppelt so viele rechte Anfeindungen über das Formular für Betroffene eingegangen sind wie tatsächliche Erfahrungsberichte, unterstreicht die Bedeutung des Projektes.
Epilog: Nach dem Verfassen (und vor dem Veröffentlichen) dieses Artikels gab es Anfang August ein Telefonat zwischen den Organisator*innen des Hackathons und dem Projektteam von ichbinkeinvirus.org. Zunächst entschuldigten sich die Vertreter*innen von WirVsVirus für den Kommentar, dass die Perspektive aller marginalisierten Gruppen in der Jury bereits durch einen Inklusions-Aktivisten vertreten sei. Außerdem kündigten sie an, dass die von der Bundesregierung finanzierten Programme Tech4Germany und Prototype Fund künftig stärker auf Diversität achten würden. Zudem sei am Impact Hub Berlin nun ein Inkubatorprogramm gestartet, dass das Thema Diversität ins Visier nimmt. Der Bitte des Teams von ichbinkeinvirus.org um Unterstützung bei der Verarbeitung rechter Anfeindungen infolge des Hackathons erteilten sie eine Absage. Das Team bleibt mit dem Gefühl zurück, mit den Konsequenzen ihrer Hackathon-Teilnahme alleine dazustehen und obendrein kostenlose Diversity-Beratung geleistet zu haben.
